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dem offiziellen Internet-Magazin des Hessischen Tanzsportverbandes

DIE NEWS IN HESSEN

Weltmeisterliche Trainerfortbildung in Wiesbaden (23.02.)

Die Grundzüge der Bewegungslehre von Rudolf von Laban und der Transfer zum Turniertanzen

 

Am diesjährigen Rosenmontag richtete die Tanzsporttrainervereinigung wieder einmal den Rosenmontagstreff in den Clubräumen des TC Blau-Orange Wiesbaden aus, in dessen Rahmen eine überfachliche Trainerfortbildung stattfand. Wieder einmal gelang es der TSTV einen sehr interessanten Referenten zu verpflichten: Holger Nitsche – ehemaliger Weltmeister der Amateure Latein referierte über die Grundzüge der Bewegungslehre von Rudolf von Laban und erweiterte dies um eine eigene Interpretation und einen Transfer zum Turniertanzen.

 

Thema und Referent waren so verlockend, dass neben der Führungsspitze der TSTV (Sony Schöneberger, Niko Riedl & Adalbert Wigger) auch zahlreiche A-Trainer unter den ca. 100 Zuschauern gekommen waren, um den weisen Worten des Meisters zu lauschen. Zur Freude vieler waren auch Ralf Müller und Olga Müller-Omeltchenko unter den Teilnehmern, so dass es sich anbot, beide für einzelne Demonstrationen mit einzubeziehen. (Es war schon interessant zu sehen, wie sich zwei ehemalige Weltmeister, die früher eine Zeit lang auch direkte Konkurrenten waren, aber bisher nie miteinander getanzt haben, sich miteinander bewegen.)  

 

Doch nun zu den eigentlichen Inhalten des Lehrgangs: Zu Beginn wurden einige wesentliche Grundbegriffe geklärt. So sind im Zusammenhang mit dem Tänzer Musik, Bewegung, Balance, Energie, Paartanzen, Charakteristik, Choreographie, mentale Stärke und Fitness zu sehen (wobei Holger hier insbesondere Musik und Paartanzen wichtig waren). Im Zusammenhang mit der Bewegung sind Motivation, Design (Struktur der Bewegung), Dynamik, Rhythmus und Ausdruck von Bedeutung.

Eines der Hauptthemen des Lehrgangs stellten die vier Bewegungsfaktoren (Kraft, Zeit, Raum und Bewegungsfluss dar). Diese sind definiert als „natürliche Gegebenheiten, welche Bewegung aktivieren“.

Im Bereich der Kraft wirken Schwerkraft und Muskelkraft gegeneinander. Oft wird auch ein von außen fehlender Widerstand durch einen muskulär selbst hergestellten Widerstand simuliert. Ein typisches Beispiel hierfür sind Flamenco-Armbewegungen, bei denen die Arme derart nach oben geführt werden, als wirke ein Druck von außen auf sie ein.

Bei der Zeit wurden neben Geschwindigkeit, Tempo und Rhythmus vor allem Akzente hervorgehoben. Hier demonstrierte Holger verschiedene Varianten am Beispiel einer Samba Bota Fogo:

 

·         Impuls (Akzent am Anfang)

·         Impact (Akzent am Ende)

·         Swing (Akzent in der Mitte)

·         Rebound (erst Impact, dann Impuls)

 

Merksatz hierzu: “Eine plötzlich oder allmählich entstehende Spannung kann einer rhythmisch wichtigen Bewegung eine Betonung oder einen Akzent geben.“

 

Als dritter Bewegungsfaktor wurde der Raum beleuchtet. Holger erläuterte, wie man durch bewussten Gebrauch und das Verständnis von Raum Aufmerksamkeit erzeugen kann. Dabei geht der Fokus des Tänzers über die eigene „Bewegungsglocke“ (den Raum, den man durch Bewegen der Arme, Beine etc. unmittelbar erreichen kann) hinaus. Ein ähnlicher Effekt kann im Paartanzen auch durch das Verschmelzen zweier Bewegungsglocken entstehen: Wenn zwei Tänzer sich treffen, entsteht aus zwei einzelnen Kinesphären eine „Paarkinesphäre“, die wesentlich größer ist, als die Summe der einzelnen Kinesphären.

 

Letzter Faktor ist der Bewegungsfluss. Hier wird zwischen gebundenen (kontrollierten) und freien Bewegungen unterschieden. Merksatz: „Aufmerksamkeit, Absicht und Entscheidung sind Phasen der inneren Vorbereitung einer äußeren körperlichen Aktion. Der Fluss verbindet die Bewegungsfaktoren und gibt dem inneren Antrieb – bezogen auf die Bewegungsfaktoren – einen konkreten äußeren Ausdruck.“

 

Aus den drei primären Bewegungsfaktoren (Kraft, Zeit und Raum) ergeben sich verschiedene Bewegungstypen, die auch als Antriebsaktionen bezeichnet werden. Laban definierte 8 elementare Antriebsaktionen (drücken, stoßen, wringen, peitschen, gleiten, tupfen, schweben und flattern), mit denen man prinzipiell jede Bewegungsform beschreiben kann, und die allesamt auf die primären Bewegungsfaktoren zurückzuführen sind. Durch eine Ausprägungskombination dieser Bewegungsfaktoren, entstehen genau diese 8 verschiedenen Antriebsaktionen.

 

Anmerkung des Verfassers: Man kann dies auch mathematisch herleiten, wenn man bei den Bewegungsfaktoren immer nur die jeweiligen Extremausprägungen berücksichtigt. Damit ergeben sich zwei mögliche Zustände für drei Bewegungsfaktoren. Daraus resultieren 2^3 = 8 Antriebsaktionen.

 

Die Ausprägung dieser Bewegungsfaktoren nennt man Energie- oder Antriebsqualitäten. Dabei reicht die Skala von „gegen die Bewegungsfaktoren Ankämpfen“ bis zum „Erspüren“ derselben. Bei der (Schwer-)kraft entspricht dies kraftvoll bis zart, bei der Zeit plötzlich bis allmählich und beim Raum direkt bis indirekt.

Hierzu ein Beispiel:

Eine kraftvolle Bewegung (Kraft), die plötzlich (Zeit) und direkt (Raum) ausgeführt wird, entspricht einem Stoßen.

Ist diese Bewegung nun allmählich statt plötzlich entspricht sie einem Drücken.

 

Auch viele Tanzfiguren lassen sich damit klassifizieren. So gibt es für verschiedene Tänze charakteristische Antriebsaktionen:

·         Samba: peitschen, tupfen, flattern, wringen

·         Cha Cha: stoßen, tupfen, wringen

·         Rumba: wringen, drücken, stoßen

 

Übergänge von Bewegungen (auch Mutationen genannt) werden in harmonische Übergänge (nur eine Bewegungsqualität verändert sich, dadurch entsteht relativ wenig Akzent) und unharmonische Übergange (akzentuierter, da sich mindestens zwei Faktoren ändern) klassifiziert. Insbesondere die unharmonischen Übergänge lassen das Tanzen interessant und abwechslungsreich erscheinen.

 

Durch diese Ideen bekommt das Tanzen eine völlig neue Komplexität. Damit dies für einen „normalsterblichen Tänzer“ überhaupt realisierbar ist, lautet Holgers Empfehlung, die Schritte so einfach wie möglich zu halten, die Körperbewegung aber (schrittweise aufbauend) so komplex wie möglich zu gestalten. Dadurch wird das Tanzen sowohl für den Zuschauer, als auch für den Tänzer selbst interessanter.

 

Trotz des sehr anspruchsvollen und teilweise vielleicht etwas trockenen Themas, schaffte Holger es, dieses kurzweilig und interessant zu vermitteln, was nicht zuletzt seinem großen Bewegungstalent zu verdanken ist. Leider lassen sich die meisten Ideen auf den ersten Blick nur für das Lateintanzen umsetzen, wenn man einige Ansätze jedoch weiter durchdenkt, wird schnell klar, dass auch im Standardtanzen dieselben Prinzipen gelten.

 

Anmerkung des Verfassers: Als Denkansatz kann man beispielsweise in einem Schwungtanz versuchen, mit dem Bewegungsfluss zu experimentieren und gebundene und freie Bewegungen gezielt einzusetzen.

 

Die Lehrgangsteilnehmer dankten dem Referenten für seine Ausführungen und hervorragende Präsentation mit Standing Ovations. Bleibt zu hoffen, dass es der TSTV auch im nächsten Jahr wieder gelingt, einen so ausgezeichneten Referenten für den Rosenmontagstreff zu gewinnen. Die Messlatte wurde in diesem Jahr auf jeden Fall wieder ein ganzes Stück höher gelegt.

Text/Bild: Robert Panther

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